Ob im Sommer draußen am Neckarufer oder abends in den Gassen der Altstadt: in Heidelberg wird gerne Bier getrunken. Uns ist aufgefallen, dass sich seit einiger Zeit im Stadtbild etwas ändert, und das freut uns. Statt den Gerstensaft als Mischgetränk aus kleinen, grünen oder weißen Flaschen mit bunten Etiketten zu trinken, sieht man immer häufiger, wie Genießer einander die Gläser aus großen braunen Flaschen auffüllen. Womit das wohl zusammenhängt? In Köln trinkt man Kölsch, in München Helles und in Düsseldorf ein Alt – doch welches ist das Bier der Wahl in Heidelberg? Wie überall in Deutschland dominieren auch hier leider die geschmacklich austauschbaren Biere der Industrie die Zapfanlagen, doch es gibt Hoffnung. In den letzten zwei Jahrzehnten ist eine kleine Welt der Manufaktur-Biere entstanden, die sich zu Recht einer immer größer werdenden Beliebtheit erfreut.

Früh morgens in der Leyergasse, inmitten der Heidelberger Altstadt. Während es oben in der Ritterhalle der Kulturbrauerei noch ruhig zugeht, herrscht in den Katakomben im Keller Hochbetrieb. Hier unten, tief unter Hotel und Restaurant liegt das Reich von Thomas Lamerz verborgen. Als Braumeister der Kulturbrauerei ist er persönlich verantwortlich für die feine, goldene Delikatesse, die durch ein ausgeklügeltes Schlauchsystem aus großen Kesseln hinauf in die Zapfanlage des beliebten Wirtshauses gepumpt wird. „An unserem Standort haben wir ein uraltes Handwerk wiederbelebt. Schon im 18. Jahrhundert wurde hier Bier für das historische Studentenlokal zum Seppl gebraut, das heute zu unserem Ensemble dazugehört. Damals gab es in Heidelberg noch 36 Brauereien und frisches Bier musste schnell, kühl und möglichst ruckelfrei über das Kopfsteinpflaster zum Abnehmer befördert werden.“ Viel hat sich geändert in den vergangenen 250 Jahren, manches ist aber auch geblieben. Damals wie heute wird das Bier streng nach dem deutschen Reinheitsgebot von 1516 gebraut. Doch während man in alten Zeiten mit schwankender Getreidequalität und Missernten zu kämpfen hatte, stehen modernen Bierbrauern heute hochtechnisierte Anlagen und feinste Zutaten aus den hervorragendsten Anbaugebieten der Welt zur Verfügung.

Verschmitzt blickt Braumeister Lamerz durch seine Brille und fährt fort. „Wir produzieren hier klassische, saisonale Frischbiere nach altem Rezept. Wozu wir heute aber in der Lage sind, ist durch Zugabe von internationalen Hopfensorten wie Motueka, Cascade und Nelson Sauvin eine fruchtige Vielfalt von Aromen zu erzeugen, die einen Spagat hin zur Craftbeer-Kunst darstellt. Das sind besondere Biersorten, die klassisch herb anmuten und im Nachtrunk ein außergewöhnliches, teils leicht exotisches Bukett entwickeln.“ Fast ein Dutzend verschiedener Bierspezialitäten finden jedes Jahr ihren Weg aus Lamerz Braukesseln hinein in die Tonkrüge der Gäste der Kulturbrauerei. Und wenn die Produktionsmenge es zulässt, wird ein teil der edlen Tropfen auch in formschöne 0,7l-Champagnerflaschen abgefüllt, die bequem per Onlineshop oder auch direkt im Lokal für den Heimverzehr erworben werden können. Wer sich also auf die Spuren Heidelberger Biertradition begeben will, der ist in der Kulturbrauerei wirklich bestens aufgehoben. Zum einen, weil sich hier die leckeren Bierspezialitäten direkt vor Ort verköstigen lassen, zum anderen, weil für vorangemeldete Reisegruppen auch spannende Brauereiführungen durch den Gewölbekeller angeboten werden. Der Hotel-Standort im Herzen der Altstadt hat aber noch einen weiteren Vorteil. Von hier aus lassen sich auch weitere Hausbrauereien fußläufig erkunden.

Einen Besuch wert ist sicherlich das Vetter-Brauhaus in der Steingasse. Dort werden neben den klassischen Alljahres-Bieren auch saisonal wechselnde Saisonbiere ausgeschenkt. 1994 hat man es mit dem ehemals stärksten Bier der Welt sogar ins Guinness Buch der Rekorde geschafft. Wem nach deftiger Kost nach einem ausgiebigen Spaziergang zumute ist, dem empfehlen wir einen Fußmarsch in den neckaraufwärts gelegenen Stadtteil Ziegelhausen. Dort hoch oben über dem Neckarufer, wird auf dem Gelände des Benediktinerordens „Stift Neuburg“ seit 2009 ebenfalls ambitioniert Bier gebraut. Interessierte Besucher können auch hier im Rahmen einer Führung Einblicke hinter die Kulissen des Brauereihandwerks gewinnen. Vom Hotel der Kulturbrauerei über die Steingasse rüber nach Neuenheim, von dort aus hoch zum Kloster und wieder zurück in unser Brauhaus – das klingt nach einer wundervoll süffigen Bierwanderung. Und wer für sich in Anspruch nehmen möchte, er sei ein echter Heidelberger Bierkenner, dem empfehlen wir zusätzlich noch einen Zwischenstopp im Stadtteil Handschuhsheim. Dort haben die jungen Craftbier-Brauer von „Heerlijk“ ein Ladengeschäft eröffnet, in dem sie ihre selbstgebrauten Spezialitäten feilbieten.

Von den 36 Brauereien der Vergangenheit sind wir noch weit entfernt, aber auf die Tendenz dürfen wir in Heidelberg stolz sein!

Mehr Infos:
http://www.heidelberger-kulturbrauerei.de
http://www.brauhaus-vetter.de
http://www.brauerei-zum-klosterhof.de
http://www.heerlijk-bier.de

Weisser Bock